Modische
Lipödem-Kämpferin

 | smykker Mag VOL 10

Caroline Sprott

Modische Lipödem-Kämpferin


Wenn man mit Anfang Zwanzig die Diagnose Lipödem bekommt, könnte man daran verzweifeln. Eine schmerzhafte Fettumverteilung, die zu Knoten im Fettgewebe führt, ist nicht gerade das, was einem Mut macht, mit dem eigenen Körper umzugehen. Könnte ist hierbei das wichtige Stichwort, denn Caroline Sprott hat einen anderen Weg gewählt.

Sie hat sich zunächst durch Ernährung und Sport ihrer Adipositas angenommen und 25 Kilo Gewicht abgenommen. Dies kann zu einer Minderung des Leidens führen - hat es in ihrem Fall jedoch nicht. Schliesslich entschied sie sich für eine Operation. Drei Operationen sind es am Ende geworden, drei Operationen, die nicht von der Krankenkasse gezahlt wurden, die sehr schmerzhaft waren und die leider auch nicht die hundertprozentige Linderung gebracht haben.


Lipödem

Das Lipödem ist eine Störung der Fettverteilung, die besonders häufig bei Frauen auftritt. Dabei kommt es zu einer Fettvermehrung, vor allem an Beinen, Hüfte, Gesäß und in einigen Fällen auch an den Armen. An einem Lipödem sind in Deutschland rund 3,8 Millionen Menschen erkrankt.


Was Caroline Sprott in der ganzen Zeit nicht gemacht hat, ist sich aufgeben, jammern und sich leid tun. Das hat sie bestimmt auch mal, an schlechten Tagen. Hauptsächlich ist sie aber einen anderen Weg gegangen. Sie hat durch ihren Blog und Instagram Kanal „Lipödem Mode“ einen neu entdeckten Spass an der Mode zelebriert - rund um ihre Kompressionen.

„Man beschäftigt sich ja vor einer eigenen Erkrankung nicht mit Themen wie Kompressionen. Für mich kam der große Wandel, als neben meinen Beinen auch meine Arme betroffen waren. An den Beinen ist man den Anblick durch Strumpfhosen ja gewohnt. Klar, im Sommer blickdichte Strumpfhosen zu tragen, sorgt vielleicht auch mal für Blicke, aber Kompressionen an den Armen und Händen, das sieht einfach direkt nach ‚krank‘ aus. Als ich das erste Mal nach Kompressionen geschaut habe, gab es schwarz, beige, braun und dunkelblau - keine Muster, nichts zweifarbiges oder raffiniertes. Also nicht gerade das, was man als Zwanzigjährige gern tragen möchte.“

Als Caroline 2015 ihren Blog „Limödem Mode“ startete, machte sie noch Bilder „ohne Kopf“, in denen man ihr Gesicht nicht sehen konnte. Was man jedoch sehen konnte, waren die geschickt zusammengestellten Outfits, die die Kompressionen als einen Teil davon wahrnahmen und so auch einarbeiteten. „Zu der Zeit war das Thema Kompressionen noch überhaupt nicht auf Instagram vertreten, es gab neben mir noch eine andere Frau, die sich ebenfalls damit zeigte. Das war es aber auch.“ Und zunächst passierte auch gar nicht viel, bis die ersten Nachrichten eintrafen. „Als mir zum ersten Mal eine Frau schrieb, dass sie sich endlich traut, auch mal einen Rock zu ihren Kompressionen zu tragen, weil sie es bei mir gesehen hat, wusste ich, dass ich den Kanal weiterführen wollte. Es war einfach schön, zu wissen, dass man anderen Frauen mit dem eigenen Spass an der Mode Mut machen kann.“


Caroline Sprott hat seit über zehn Jahren Lipödem in Armen und Beinen. Auf ihrem Instagram Kanal @lipoedemmode folgen ihr 11,5 K Menschen. Daneben hat sie den Onlineshop Power Sprotte gegründet, einen Lifestyleshop für Kompressionsträger*innen.


Doch damit war Carolines Weg noch nicht vorbei. Einige Zeit später geschah erneut etwas, mit dem sie selbst nicht gerechnet hatte. „Das zieht sich irgendwie so durch, mir sind durch oder gerade dank meiner Erkrankung viele Dinge passiert, die ich sonst wahrscheinlich nicht erlebt hätte.“ Durch den Erfolg ihres Blogs, wurde ein Hersteller für Kompressionen auf sie aufmerksam und fragte sie als Model an. „Mich als Model zu bezeichnen, kam mir anfangs so komisch vor, aber da war ich, fotografiert von einem echten Fotografen für eine echte Mode-Kampagne.“ Durch die Zusammenarbeit mit der Firma konntet Caroline auch etwas Feedback anbringen, was sie als Modebewusste Kompressionsträgerin wünschen würde. „Die Muster und Farben kamen schon ohne mein Zutun, aber ich optimiere mit dem Hersteller durch die Zusammenarbeit das Patientenerlebnis und teste Zusätze auf ihre Funktion etc. In der neuesten Kampagne haben wir Statements erarbeitet, die ich gestaltet und auf die Kleidung gebracht habe.“ Durch solche Kampagnen erweitert sich die Welt der Kompressionen: Ein wenig mehr Farbe, Auswahl. Einen Look! Die „Power Sprotte“, wie sie sich auf Instagram auch nennt, macht es wie Pipi Langstrumpf: Die Welt ein wenig mehr, wie sie ihr gefällt.

Aus einer Not eine Tugend zu machen, ist ganz sicher das, was man sich von Caroline abschauen kann, sie sieht die Welt nicht durch die „Das geht nicht“-Brille, sondern durch eine „Mal schauen, was da noch geht“-Brille. Und wenn es etwas, das sie sich wünscht, nicht gibt - kümmert sie sich eben selbst darum. So war es bei ihrer Zusammenarbeit mit dem Hersteller für Kompressionen, so war es bei dem ersten deutschen Modelabel für Frauen mit Lipödem und Lymphödem - und so war es auch bei den Produkten in ihrem eigenen Onlineshop. Als nächstes steht übrigens ein eigenes Ladengeschäft an „Ich sitze jetzt gerade in den Räumen. Ich habe sie nachts nach ein paar Gläsern Wein auf Kleinanzeigen gefunden und wusste einfach. Jetzt oder nie!“

Heute ist Caroline Sprott eine der wichtigsten Deutschen Lipödem Botschafterinnen. Sie hat einen eigenen Onlineshop gegründet, sie hält Vorträge, spricht immer wieder zu dem Thema, betreibt Aufklärung und ganz bestimmt auch immer mal wieder ein wenig Auflockerung, wenn es darum geht, „diesen ”Flachstrick Panzer“ in eine „strahlende Rüstung“ zu verwandeln.

Caroline Sprott

Sie ist eine der wichtigsten Deutschen Lipödem Botschafterinnen.

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